StER-Sitzung am 18.01.2017 "Gemeinsame Sitzung mit dem Kreiselternrat Osnabrück (KER)", Diskussionsveranstaltung "Inklusion & Schulqualität" mit Frau Kultusministerin Frauke Heiligenstadt


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Gemeinsames Sitzungsprotokoll StER/KER - Osnabrück vom 18.01.2017
StER-KER_Sitzungsprotokoll vom 18.01.201
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Zur Sitzung am 18.01.2017 vorformulierter Fragenkatalog der Arbeitskreise Inklusion und Schulqualität des KER und StER OS, aus dem sinngemäß durch Sie/Euch oder uns einige Fragen gestellt wurden/werden konnten:

 

1. Wahlrecht genommen?

Eltern und ihren Kindern wird mit dem schrittweisen Auslaufen der Förderschule LE das elementare Wahlrecht zwischen inklusiver Regelschule und Förderschule genommen. Ohne jegliche Alternative sind damit Kinder auf die inklusive Beschulung an Regelschulen angewiesen. Ein geschützter Raum für eine individuelle Lernentwicklung und eine bislang hohe sonderpädagogische Erfahrungs- und Fachkompetenz stehen künftig nicht mehr als Alternative zur Verfügung.

 

Frage:

Wie lässt sich eine derart tiefgreifende Einschränkung eines sonst auf Durchlässigkeit und mit Übergängen ausgelegten Schulsystems gegenüber einer der schwächsten Schülergruppe im niedersächsischen Schulsystem begründen? Wie kann Niedersachsen das Risiko eingehen, dass Kinder, die sich nur in einem geschützten Raum adäquat entwickeln können, abzuhängen und damit das Gegenteil von Inklusion – nämlich Ausgrenzung – in Kauf zu nehmen?

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2. Inklusion als Prozess – schrittweise zum Ziel: ein Moratorium

Die Inklusive Schule ist im Aufbau begriffen und stellt einen langfristigen Prozess dar, der mangels Erfahrungswerten immer wieder nachjustiert und optimiert werden muss. Die Ausbildung weiterer Sonderpädagogen und von Regelschul-Lehramtsanwärtern mit sonderpädagogischen Kenntnissen, aber auch eine fundierte sonderpädagogische Fortbildung des Lehrerbestandes ist ebenfalls ein Prozess, der Zeit erfordert. Fast 60 % aller betroffenen Schüler werden mittlerweile in inklusiven Regelschulen beschult. Hiermit ist noch keine qualitative Bewertung dieser Beschulung getroffen. 40 % der Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf haben sich jedoch ausdrücklich für die Förderschule entschieden. Evaluationen zum Erfolg und zur Qualität des neuen Systems unter Beteiligung der betroffenen Lehrer und Eltern hat es noch nicht gegeben. Es ist bis heute nicht klar, ob inklusive Schule in der Lage ist, die hochgesteckten Ziele unter den derzeitigen Rahmenbedingungen zu erreichen und der eigentlichen Intention der UN-Behindertenkonvention zu entsprechen.

 

Frage:

Warum wird ein bestehendes, elaboriertes und fachlich durchaus anspruchsvolles Förderschulsystem (LE) abgebaut, solange das Nachfolgesystem, die inklusive Schule, noch gar nicht voll arbeitsfähig und in ihrer Auswirkung auf Schüler, Lehrer und Schulqualität untersucht worden ist? Wäre nicht ein Innehalten unter temporärer Weiterführung der Förderschule Lernen eine souveräne, intelligentere Lösung, die die Situation für alle Beteiligten deutlich entspannen könnte?

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3. Ergänzende Nachfolgelösungen zur Förderschule (LE): „Neue Schule“ (Arbeitstitel)

Auch wenn es einen zeitlich begrenzten Aufschub geben sollte: Das Auslaufen der Förderschule Lernen wird wohl nicht umkehrbar sein. Umso mehr lohnt es sich, über gute Ersatz- oder Nachfolgelösungen nachzudenken. In Osnabrück wird seit drei Jahren an einem ein sehr konkreten Beispiel gearbeitet und es ist beabsichtigt, dieses pädagogisch wertvolle Modell der „Neuen Schule“ vor Ort zu testen. Die Konzeption dieses Schulprojektes sieht vor, eine bereits existierende ausgeprägte Berufsorientierung in den Ausgangsschulen mit der starken Kompetenz im Bereich Inklusion zu einer für Schüler attraktiven „Neuen Schule“ zu verknüpfen. Das Zusammenführen von Regel- und Förderschulen unter Bewahrung der jeweils ausgewiesenen Spezialkompetenzen und ihrer gegenseitigen Verknüpfung könnte dazu beitragen, mehrere Problemfelder gleichzeitig zu entschärfen: abnehmende Attraktion von Hauptschulen, der drohende Abbau des bestehenden Netzwerks zur Berufsausbildung und zu Übergängen, sowie der drohende Verlust der sonderpädagogischen Fachkompetenz der auslaufenden Förderschule Lernen (Schule an der Rolandsmauer).

 

Frage:

Welche Chance räumen Sie diesem und ähnlich strukturierten Projekten in der Praxis ein? Gibt es für diese Projekte Ihre ausdrückliche Unterstützung und in welcher Form können Sie sich diese Unterstützung vorstellen?

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4. Ergänzende Nachfolgelösung zur Förderschule (LE): In Regelschulen angegliederte Förderklassen LE

Als mögliche Nachfolgelösung für die Förderschule Lernen könnten inklusive Schwerpunktschulen dienen, die flexibel und nach Bedarf angegliederte Klassen bereithalten, in die Schüler, die Schwierigkeiten im Regelschulsystem haben, temporär wechseln können, also im Sinne eines Kooperationsklassenmodells. Damit könnte es neben der inklusiven Regelbeschulung immer noch eine Rückzugsmöglichkeit mit besonderem Schutz und sonderpädagogischer Fachbegleitung im gleichen Schulgebäude geben.

 

Frage:

Welche schulgesetzlichen Rahmenbedingungen sprechen für oder gegen eine Umsetzung? In welchem Umfang billigen Sie in dieser Frage Schulträgern eine eigenständige Entscheidung zu?

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5. Klassengröße

Inklusive Schule bedeutet nicht nur für die unterrichtenden Lehrer, sondern auch für alle Schüler – ob mit oder ohne sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf – eine besondere, veränderte Situation.

Zieldifferentes Unterrichten, gleichzeitig anzuwendende unterschiedliche Curricula und Lernen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bedeuten eine besondere Herausforderung und oftmals einen kaum zu bewältigenden Spagat für Lehrkräfte, der durch eine hohe Schülerzahl in der Klasse noch schwieriger wird. Wie andere europäische Staaten bereits erkannt haben, gilt die Wissens- und Kompetenzvermittlung in Klassengrößen bis maximal 20 Schüler als wesentlich effizienter und nachhaltiger. Auch wenn berücksichtigt wird, dass Schüler mit sonderpädagogischer Unterstützung „doppelt“ zählen, sind die Klassenteilergrößen grundsätzlich deutlich zu hoch angesetzt.

 

Frage:

Wie schätzen Sie die Erkenntnisse anderer Staaten zu wesentlich kleineren Klassengrößen ein und welche Schritte planen Sie, die Lernbedingungen für unsere Kinder ähnlich zu verbessern?

 

Ergänzend zu 5.: Schülerhöchstzahlen / Klassenteiler

Eine inhaltlich ähnliche Frage wurde bereits im Themenblock Inklusion gestellt. Die Schülerhöchstzahlen im Sekundarbereich I betragen bei Realschulen, Integrierten Gesamtschulen und Gymnasien jeweils 30 Schüler, in den Oberschulen 28 und in den Hauptschulen 26 Schüler.

Wir halten die Schülerzahlen je Klassenverband oder Lerngruppe für einen wesentlichen Faktor, um die Schulqualität und die schulischen Erfolge für die Schülerinnen und Schüler nachhaltig zu verbessern, Je geringer die Anzahl der Schüler je „Lerneinheit“ und pädagogischer Fachkraft desto höher der Bildungserfolg für den jungen Menschen. Das kleinere Klassen mit einem höheren geldlichen und organisatorischen Aufwand verbunden ist, ist uns natürlich bewusst.

 

Frage:

a) Teilt das Kultusministerium diese Ansicht?

b) und wenn ja, welche Maßnahmen werden seitens des  Kultusministeriums zu welchen Zeitpunkten umgesetzt, um die Klassengrößen deutlich abzusenken?

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6 . Vergleichbare Schulqualität

In der Vergangenheit gab es einen sogenannten „Schul-TÜV“, der recht umstritten schien. Schulqualität wird nach Niedersächsischem Verständnis in 18 Qualitätsmerkmalen in 6 Qualitätsbereichen beschrieben. Eine Messung findet offensichtlich nach den Methoden des NLQ und durch die Schulinspektionen statt. Von besonderer Bedeutung ist das praktische und operative Zusammenwirken der Systeme, Methoden, Mittel und vor allem der handelnden Menschen mit ihren individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Jedoch vermissen wir die Transparenz und die Vergleichbarkeit der Schulen für die Schülerschaft und die Eltern.

 

Frage:

Wie nun wird die Qualität einer Schule gemessen und für Lehrer-, Schüler- und Elternschaft publiziert, damit auch gerade Eltern an klaren, annähernd objektiven und vergleichbaren Merkmalen und Fähigkeiten der Schulen entscheiden können, welche Schule das Kind besuchen soll?

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7.  Unterrichtsversorgung und sonderpädagogische Unterstützung

Sinkt die Unterrichtsversorgung an einer Regelschule unter 100 %, müssen zunächst die zugewiesenen Lehrerstunden der sonderpädagogischen Unterstützung auf Anweisung des Kultusministeriums dazu genutzt werden, Versorgungslücken im „normalen“ Unterricht zu schließen. Die sonderpädagogische Unterstützung findet dann schlicht nicht statt. Wenn selbst das per Schulgesetz zugebilligte Minimum an Unterstützungsstunden als Lückenbüßer herhalten muss, ist das keine Inklusive Schule mehr.

 

Frage:

Welche strukturellen Änderungen werden noch in dieser Legislaturperiode ergriffen, diesen unhaltbaren Zustand schnellstens zu beenden?

 

Ergänzend zu 7.: Unterrichtsversorgung

Die Unterrichtsversorgung in Niedersachsen hat sich quantitativ im Jahre 2009 von 100,2% auf cirka 98% landesweit in 2016 entwickelt. Mit dieser Quote ist nur eine quantitative Aussage getroffen. Ab wann Ausfallzeiten von Lehrern, Lehrkräften, Pädagogen – oder auch Sozialarbeitern – überhaupt als abwesend gewichtet werden, wann Vertretung gestellt wird, ist zwar geregelt aber leider intransparent. Sicherlich gilt hier auch der Erlass „Klassenbildung und Lehrerstundenzuweisung“ und andere Regelungen, diese ist aber leider für Eltern eher undurchsichtig. Es kommen leider regelmäßig Stundenausfälle und Vertretungsstunden vor. Diese stichtagsbezogene Unterrichtsversorgungsquote hat wenig Aussagekraft zur Qualität dem Fach, welches unterrichtet werden soll. Es entstehen zumindest für Schülerinnen und Schüler Differenzen zwischen den fachbezogenen Soll-Pflichtstunden und der „Vertretungs- oder Ausfall-Ist-Welt“. Dieses hat Wirkung auf die Qualität der schulischen Bildung und Wissens- und Verhaltensvermittlung für unsere Menschen der Zukunft. Nach unserer Meinung liefert erst eine dezidierte, mit wissenschaftlichen Methoden untermauerte Ist-Aufnahme, z.B. als Jahreszeitreihe mit ausgewählten Messparametern, einer Tagesauflösung und einer Auswertung mit Zeitreihenanalysen sowie statistischen Methoden, belastbare und aussagekräftige Ergebnisse. Erst diese sind geeignet, die richtigen Maßnahmen zur Optimierung der fachbezogenen Unterrichtssicherung abzuleiten. Möglich ist, dass dieses auch bereits heute so vom MK gemacht wird, es ist den Elternschaften jedoch nicht bekannt.

 

Frage:

Welche Maßnahmen ergreift das Kultusministerium, um das Messverfahren zur Unterrichtsversorgung unter Berücksichtigung der fachlichen Sicherstellung zu verbessern und transparenter zu gestalten?

Aus der Antwort dieser ersten Frage sei dann die Anschlussfrage abzuleiten, wie das Kultusministerium kurzfristigen Bedarf abdeckt, Stichwort: qualifizierte Feuerwehrkräfte?

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8.  Quantität Lehrkräfte und Pädagogen

Es ist zu erwarten, dass in einigen Jahren eine Vielzahl von Lehrkräften in den Ruhestand gehen. Neue Lehrkräfte werden sicherlich ausgebildet und stehen den Schulen „rollierend“ zur Verfügung.

Wir gehen von einer gesteuerten und gezielten Fachkräfte-Planung für die Zukunft aus.

 

Frage:

Ist „rollierend“ sichergestellt, dass ausreichend – auch im Hinblick auf die demographischen Prognosen – Lehrkräfte mit guter Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz zur Verfügung stehen? Wenn ja, welche Maßnahmen sind eingeleitet, um dieses qualitative und quantitative Defizit nicht eintreten zu lassen?

 

 

9.  Regionale Beratungs- und Unterstützungszentren inklusive Schule (RZI)

Die ersten RZIs sollen am 01.08.2017 ihre Arbeit aufnehmen. Geplant ist, jedes RZI mit 1,5 Planstellen auszustatten. Die räumliche Abdeckung und damit die Anzahl der zu beratenden Schulen sind von RZI zu RZI allerdings deutlich unterschiedlich. Für ländliche Räume ist nicht nachvollziehbar, wie die zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte für die Aufgabenbewältigung ausreichen sollen. Während die derzeitig noch aktiven Förderzentren aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit sowie geographischen Verteilung jederzeit und örtlich nahe für die Beratung von Eltern bereitstehen, rechnen wir nach Umstellung auf RZIs mit einer deutlichen Verschlechterung des Beratungsangebots. Dabei steht gleichzeitig die Gefahr im Raum, dass wir bislang regionalisiert gestreute Beratungsangebote und die fachliche Betreuung „am Kind“ gegen zentralisierte Verwaltungsapparate verlieren. Mit der Entwicklung weg von der Zentralisierung hin zu regionalisierten Vor-Ort-Strukturen wurden in der Jugendberatung deutlich bessere Ergebnisse erzielt.

 

Frage:

Wie kann im Landkreis Osnabrück mit 350.000 Einwohnern, aufgeteilt in Nord-, Ost- und Südkreis, mit fast der Fläche des Saarlandes, die Qualität und der Umfang des bisherigen Beratungsangebots erhalten bleiben? Was hat das Kultusministerium dazu bewogen, zu zentralisieren und nicht die Regionalisierung beizubehalten?

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10. Schulqualität: Sonderpädagogische Lehrerfortbildung

Wir nehmen wahr, dass die sonderpädagogische Fortbildung für den Bestand an Regelschullehrern sich – im Gegensatz zum mehrjährigen Vollstudium der Sonderpädagogik – auf eine ca. 40-tägige Weiterbildungsmaßnahme beschränkt. Dieses reicht keineswegs aus, die Schulqualität auf ein ausreichend akzeptables Niveau anzuheben.

 

Frage:

Welche Maßnahmen wird das Kultusministerium ergreifen oder hat es ergriffen, um die Regelschullehrkräfte sonderpädagogisch nachhaltig auf einem angemessen hohen Qualitätsniveau weiter zu qualifizieren – vergleichbar mit dem von ausgebildeten Sonderpädagogen?

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11. Schulqualität: Lehramtsausbildung mit verpflichtender Sonderpädagogik

Bislang war oder ist für die Lehramtsausbildung eine verpflichtende Belegung von Vorlesungen/Seminaren zur Sonderpädagogik nicht gegeben. Dennoch werden seit Einführung der inklusiven Schule von Lehrkräften an allen Schulen sonderpädagogische Kenntnisse für alle Förderbedarfe erlangt.

 

Frage:

In welchen niedersächsischen Lehramtsstudiengängen sind sonderpädagogische Inhalte verpflichtend und Teil der Prüfungen? Wie wird gewährleistet, dass auch Praxiskenntnisse im Bereich Sonderpädagogik erworben werden? Reichen die Absolventenzahlen überhaupt aus, um kurz- und mittelfristig die Versorgung in Städten und ländlichen Räumen sicherzustellen?

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12. Bildung vor Ort – Beschulung durch die Grundschulen

Die demografische Entwicklung kann dazu führen, dass eine Vielzahl von Grundschulen in den kommenden Jahren keine ausreichenden Schülerzahlen mehr haben werden. Die Bildung vor Ort im Primarbereich könnte damit gefährdet sein.

 

Frage:

Wie ist die Einschätzung des Kultusministeriums dazu und welche Überlegungen gibt es möglicherweise bereits dazu die Bildung vor Ort gerade in ländlichen Regionen sicher zu stellen?

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13 . Wissenstransfer Schulen & Best in Class

Ein gesunder Wettbewerb unter den Schulen kann nicht schädlich sein – Best in Class-Schule sollte Verpflichtung haben, die weniger guten Schulen zu fördern und zu unterstützen. Förderung und Forderung sind gleichermaßen zu honorieren.

 

Frage:

Wir werden die guten Fähigkeiten, Methoden und Wissen von Schulen auf andere Schulen transferiert – Wissens- und Erfahrungstransfer?

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Materialien zur inhaltlichen Vorbereitung auf die Diskussion

 

Entschließungsanträge im Niedersächsischen Landtag zum Thema Inklusion

1. Drucksache 17/6409, Antrag SPD/Grüne vom 06.09.2016 (pdf-Download ->hier)

2. Drucksache 17/6688, Antrag FDP vom 18.10.2016 (pdf-Download ->hier)

3. Drucksache 17/6773, Antrag CDU vom 27.10.2016 (pdf-Download ->hier)